Samstag, 18. Januar 2014

Die Nepal-Blase

Als ich meine Reise antrat wusste ich rein gar nichts von diesem Land.
Ich hatte mich zuvor belesen, Blogs und Internetseiten durchforstet. Hatte mir Bücher gekauft, Videos im Internet angeschaut.
In meinem Kopf bildete sich so langsam eine kleine Welt. Ich erschuf sie mir selbst.
Immer war ich mir darüber bewusst, dass ich in einem Entwicklungsland leben werde, also schraubte ich meine Erwartungen so gut es ging hinunter, um nicht letzten Endes enttäuscht zu werden.
Was mir dann begegnete sprengte all meine Vorstellungen. Armut, Müll, Gestank und Lärm brassten auf mich ein.
Doch nach drei Tagen fand ich einen Ausweg und landete unverhofft in einer Blase.

Der Nepal-Blase.

Erst nach einigen Wochen erkannte ich dies und es war schwer auszubrechen.

Von vielen, die Nepal bereisen, vor allem die Hippies mit ihren Buddha-Hosen, gebatikten  T-Shirts und Rastazöpfen, sprechen von einem der ruhigsten und schönsten Orte auf der ganzen Welt. Sie lieben es, wollen es nicht verlassen und befinden sich doch nur in der Blase.

Thamel ist der Touristenort schlechthin in Kathmandu. Hier bekommt Tourist alles, was er benötigt, um die typischen Trekkingtouren zu machen, oder seine spirituelle Seite zu entdecken.
Alle sind friedlich, wohl besonnen und man sieht ihnen die Gelassenheit an, die ihnen das Land vermittelt hat.

Auf der anderen Seite, ein paar Straßen weiter, steht ein Koch an einem Herd und versucht seinen 18-Stundentag um die Runden zu bekommen, sowie jeden Tag, mit Hilfe von zwei Jobs. Das alles um seine 6-köpfige Familie zu ernähren, die zusammen mit ihm in einer Einraumwohnung außerhalb von Kathmandu wohnen, da sie sich die Mieten innerhalb der Stadt nicht leisten können.

Auf fast 3000 Metern Höhe sieht man abends eine Gruppe von sechs Weißen in einer Lodge sitzen. Sie werden von ihren angeheuerten Portern und Guides bedient. Es fehlt ihnen an nichts. Sogar ihre gewohnte Lasagne steht auf der Menükarte.
Als diese dann dampfend vor ihnen steht, sind sie mehr als enttäuscht. Hatten sie doch guten, frischen Käse erwartet.
Das ihnen den Tag über auf ihrem Trek mindestens 40 vollgepackte Esel entgegen kamen, die dafür Sorge tragen, dass sie Käse, Wein und Klopapier selbst in der abgelegensten Lodge bekommen, darüber denken sie nicht nach. Sie schieben ihr „westliches“ Essen zur Seite und gehen enttäuscht ins Bett. 
Währenddessen machen es sich die Porter an einer Feuerstelle auf dem Fußboden bequem. Denken an ihre Familien und wann sie wieder zurück kehren können, mit ihrem spärlich verdienten Geld.

Ein paar tausend Kilometer weiter steht ein Nepalese auf der arabischen Halbinsel in der brütenden Mittagshitze, dehydriert und völlig kraftlos, dennoch gewillt seine Arbeit gut zu machen, um seiner Familie ein wenig Geld nach Hause schicken zu können.
Zu Hause fand er keine Arbeit, zu überbevölkert sind die Städte, zu unterentwickelt das Land.
Ein gebildeter Mann aus einem Nachbardorf entsandte ihn, versprach ihm gute Arbeitsbedingungen und einen hohen Lohn. Dafür müsse er ihn allerdings vorab bezahlen.
Falls er jemals in der Lage sein sollte, gesund nach Nepal zurück zukehren, erwarten ihn die gleichen Bedingungen wie zuvor, nur mit einem riesen Berg an Schulden obendrein.

Eine Weiße Frau sitzt in einem der modernsten Cafés Kathmandus. Sie trinkt ihren Latte Macchiato und gönnt sich dazu einen frischen Schokomuffin.
Sie lebt seit fast 3 Jahren in Nepal und arbeitet für die Entwicklungshilfe.
Mindestens drei mal im Jahr fliegt sie business class nach Hause in ihr Heimatland. Abends nach der Arbeit kommt sie in ihr großes Haus. Warmes Wasser, Strom und alles was man zum Leben benötigt, ist vorhanden. Es unterscheidet sich kaum, von einem Haus in ihrem Heimatland.
Am Wochenende trifft sie sich mit ihren Kollegen und Freunden, natürlich nur in dem angesagtesten Café der Stadt, in dem es seit neusten auch warme Brownies mit Vanilleeis gibt.
Von ihren Bekannten und Verwandten aus ihrer Heimatstadt wird sie bewundert, wie sie es schafft in einem Land wie Nepal zu leben und zu arbeiten. Wie sie es meistert all ihre Ansprüche aufzugeben, nur um anderen Menschen zu helfen.

Dies alles sind gute Beispiele für die Existenz der Blase und das nicht Wahrnehmen des Lebens außerhalb dieser.

Steigt man in ein TukTuk, wird man schräg angesehen. Man habe doch das Geld und solle lieber Taxi fahren.

Warum sollte man sich nicht das größere Appartement mieten, dass einem eine heiße Dusche und 24/7 Strom verspricht, wenn man dann nur 50 $ mehr im Monat zahlt?

Ich für meinen Teil habe beschlossen ein wenig mehr von dem für mich „wahren“ Nepal zu erfahren.
Viele mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass das auch Nepal ist. Das der Tourismus Nepal ausmache.

Aber was tut dieser? Er sorgt dafür, dass alle Nepalesen ein hochmodernes Smartphone in ihrer Tasche tragen.
Doch eine flächendeckende Gesundheitsversorgung oder gar Schulbildung für alle gibt es nicht.
Die Kluft zwischen Armen und Reichen wird oft übersehen und leider immer größer.

Fragt mich nicht, was man besser machen soll. Ich weiß es nicht und fühle mich an dieser Stelle auch mehr als hilflos.
Ich weiß nur, dass es wichtig ist manchmal genau hinzuschauen und eben nicht wegzuschauen.
Nepal besteht nicht nur aus einer atemberaubenden Landschaft und friedvoller Stimmung - es ist viel mehr.

Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich mich so wahnsinnig in dieses Land verliebt habe. Es ähnelt in gewisser Weiser meiner Heimatstadt - Berlin.

Es ist dreckig, hässlich und laut.
Aber auch farbenfroh, wunderschön und besinnlich.


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