Donnerstag, 5. Dezember 2013

5. Dezember


Verkehr


Als ich mir vor kurzem meinen Motorroller auslieh und nach bestimmten Verkehrsregeln, die es zu beachten galt, fragte, bekam ich als Antwort, dass ich doch bitte stets links und vor allem langsam fahren solle. Mehr gebe es nicht zu beachten.
Genau so darf man sich den Verkehr in dieser viel zu vollgestopft und durchweg motorisierten Stadt vorstellen.
Jeder fährt, wie es ihm grade passt. Blinken wird völligst überbewertet. Wenn einem das Wechseln der Spuren (die natürlich nicht gekennzeichnet sind) durch ein kurzes Handzeichen des Beifahrers kenntlich gemacht wird, ist das mehr als genug. Meist wird dann doch nur die Hupe benutzt. 

„HUP - ich schneide dich mal eben.“
„HUP - Platz da, ich bin eh stärker als Du.“
„HUP - sei froh, dass ich überhaupt hupe.“

Verkehrsampeln gibt es nicht, dafür jedoch die Traffic-Police, die mit ihren viel zu weißen Handschuhen und perfekt gebügelten Hemden mitten auf den voll gestopften Straßen stehen. Im Mund eine Trillerpfeife, die einem das Trommelfell wegbläst, aber den Lärm des Verkehrs übertönt. Diese kommt im Sekundentakt zum Einsatz, völlig gleich weshalb. Der Grund für das Pfeifen ist meist unbedeutend.
Fahrbare Untersätze in allen Varianten habe ich schon gesehen. Autos, die drohen jeden Moment auseinander zu fallen, Fahrräder, die keine Achten-Räder haben, sondern Räder, die noch nicht mal mehr an die Form von etwas Runden erinnern.
Motorräder bepackt mit Babys, Ziegen, langen Eisenrohren, ganzen Fensterscheiben oder 4 Personen gleichzeitig. Aber stets trägt der Fahrer einen Helm, denn das ist ja schließlich Pflicht!
Doch eines haben alle gemeinsam. Ein Gegenstand, das in irgend einer Weise ein lautes Geräusch von sich gibt, muss einfach Bestandteil des Fortbewegungsmittels sein. Erst letztens sah ich eine Hupe, die aus einer Plastik-Flasche zusammengebaut wurde. Auch habe ich mir niemals träumen lassen, wie viele mögliche Varianten an Geräuschen es für das „Hupen“ gibt. Die Nepalesen sind in diesem Punkt sehr einfallsreich und experimentierfreudig.

In Deutschland und vor allem in Berlin, bin ich ein typischer Fluch- und Hupautofahrer. Auch wenn mich der andere Verkehrsteilnehmer nicht hört, beschimpfe ich ihn mit den einfallsreichsten Wörtern. Fluchen kann manchmal so befreiend sein. Natürlich sind auch immer nur die anderen Schuld. 
Wenn mir das Beschimpfen in meinem Faradayschen Käfig allerdings nicht genug ist, betätige ich auch gern mal die Hupe. Dann ist jedoch wirklich der andere „Idiot“ Schuld am Geschehnis.
Ich weiß aus eigen recherchierter, sicherer Quelle, dass ich nicht der einzige Fluch-Hupautofahrer auf Deutschlands Straßen bin.

Aber hier, in Nepal, bin ich das. Ich fühle mich schon fast verloren.
Der Verkehr ist tausendmal schlimmer und es gibt absolut mehr „Idioten“ auf Nepals Straßen. Dennoch flucht keiner. Es gibt noch nicht einmal einen genervten Blick oder ein Stöhnen, wenn dem Fahrer das dritte mal in 1 Minute jemand vors Auto läuft oder er geschnitten wird.

Eventuell - aber wirklich nur rein hypothetisch - könnte es sein, dass ich nach meinem Nepal-Aufenthalt zurückkomme und die gelassenste Auto/Roller/Fahrrad-Fahrerin bin, die ihr je gesehen habt (ich schließe alle Rentner mit Wackeldackel in der Heckscheibe und karierten Hut auf dem Kopf mal aus).


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